Überall, auch in Cham

Auf dem Sitz gegenüber liegt ein vollgestopfter Rucksack und eine Laptop-Tasche. Weil die anderen drei Sitze unbesetzt scheinen, schnapp ich mir meinen Lieblingsplatz (rückwärts, mit Blick auf Rotsee zuerst und später dann Zürichsee). Anfangs denke ich, das Zeug muss jemandem gehören, der noch schnell aufs Klo ist. Dann denke ich, das Zeug gehöre jemandem, der an Verstopfung leidet. Als der Zug dann den Rotsee weit hinter sich gelassen hat, schiesst mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf: es könnte eine Bombe sein.

Natürlich ist das ein absurder Gedanke, aber im Bauch macht sich ein seltsames Gefühl breit. Es steigt hoch zur Kehle und wieder runter, dann ist es plötzlich wie überall. Soll ich die Leute im Abteil gegenüber fragen, ob das Zeug ihnen gehört? Und wenn sie nein sagen und Panik ausbricht, werden mir dann nicht all die Leute den Fluchtweg versperren? Vielleicht sollte ich besser zuerst zwei Wagen weiter laufen und dann die Bahnpolizei anrufen? Anderseits, wenn die Sachen doch einfach den Leuten gegenüber gehören, wäre es ja extrem peinlich die Bahnpolizei antanzen zu lassen und dann erklären zu müssen, dass ich nicht selber gefragt habe, weil ich zuerst mich in Sicherheit bringen wollte.

Ich weiss, wir sind hier nicht in Moskau. Und nicht in New York und nicht in Madrid. Gerade eben sind wir an Cham vorbeigefahren; kein Ort, dessen Namen Terroristen in das kollektive Gedächtnis einbrennen wollen. Oder ich irre ich mich da? Könnten sie nicht gerade das wollen, die gleichen Gefühle beim Annblick vollgestopfter Rucksäcke sogar in Cham? In Meierskappel?

Kurz vor Thalwil reisse ich mich zusammen. „Sind das ihre Sachen?“ frag ich die Leute im Abteil neben mir. Die Lady nimmt die Sachen an sich und entschuldigt sich, und ich bin ein bisschen sauer, weil sie einfach Platz vollgeladen hat, obwohl es doch neben ihr und über ihr Ablageflächen hat, und weil sie mir so seltsame Gefühle eingebrockt hat. Bedeutungsschwanger sage ich „heutzutage weiss man nie“. Ich zum Beispiel habe noch vor einer Stunde nicht gewusst, dass mir was in Moskau ist, plötzlich so nahe scheinen könnte.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter öffentlicher raum, medien, politik

2 Antworten zu “Überall, auch in Cham

  1. Grins, wenn du ab solchen Situationen Angst kriegst, haben die Terroristen schon gewonnen.

  2. ja, ich weiss, und dass es so ist, ist eigentlich das wirklich furcht einflössende, nicht irgendein blöder rucksack…

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