Unverantwortliche Träume & Starrsinn

“Die Geschichte der Wissenschaft – und ähnlich auch die Geschichte aller menschlichen Ideen – ist eine Geschichte von unverantwortlichen Träumen, von Starrsinn und von Irrtum.“ Popper, Karl R. (1960): Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, in: ders., Lesebuch. Ausgewählte Texte zur Erkenntnistheorie, Philosophie der Naturwissenschaften, Metaphysik, Sozialphilosophie, S. 155.

Zunächst vielen Dank für die vielen Diskussionsbeiträge zum Thema Gender Studies. Endlich komme ich auch dazu, wenigstens auf einige der angesprochenen Punkte einzugehen. Da hier inzwischen Dutzende von Behauptung und Argumenten aufgeführt würden, versuche ich mich mal auf drei zentrale Punkte zu konzentrieren:

  • was sind überhaupt Gender Studies,
  • ist Wissenschaft im allgemeinen und die Gender Studies im speziellen durch Politik beeinflusst bzw. grundsätzlich „nicht Wissenschaft sondern Politik“ und
  • was bedeutet „Objektivität“ in der Wissenschaft bzw. wie wird diese hergestellt.

Um die Diskussion etwas zu bündeln zunächst zur ersten Frage: was sind denn überhaupt Gender Studies?

Gender Studies als wissenschaftlich Disziplin befassen sich mit verschiedensten Fragekomplexen, die (sogar immer?) auch durch andere wissenschaftliche Disziplinen untersucht werden. Sie sind ein typisches inter- und nicht selten auch transdiziplinäres Fach. Wenn also protostomia schreibt, dass auch die Medizin oder Biologie durchaus geschlechtsensible Forschung betreibt, ist das keineswegs falsch. Im Gegenteil. Gender Studies fassen einfach diverse Forschungsfragen zusammen bzw. sorgen dafür, dass das Rad nicht überall neu erfunden werden muss. Auf der Homepage der Basler Gender Studies wird eine typische Forschungsfrage wie folgt erklärt:

„Allgemein bekannt ist, dass Frauen im Durchschnitt älter als Männer werden und sich gesundheitsbewusster verhalten. Weniger bekannt ist, dass Frauen häufiger an Herzerkrankungen sterben als Männer. Wie lässt sich das erklären? Betroffene und ÄrztInnen erkennen die besonderen Merkmale des Infarkts bei Frauen wie Übelkeit und Erbrechen zu spät als Herzinfarkt-Symptome. Denn: Bis vor kurzem galt Herzinfarkt als typische Männerkrankheit. Auch analysierte die Forschung vornehmlich die Symptome männlicher Herzpatienten und entwickelte Medikamente für sie. Dies zeigen Studien der medizinischen Geschlechterforschung. Während Krankheitssymptome bei Männern gut erforscht sind, wissen wir kaum etwas über ihr alltägliches Gesundheitsverhalten. So zeigt sich: Eine ausgewogene, auf beide Geschlechter fokussierte Medizin hat direkte Auswirkungen auf Forschung, Lehre und Praxis der Medizin und der Pflege. Ein Schwerpunkt der Gender Studies liegt daher auf der „Geschlechterblindheit“ der Wissenschaften. Sie zeigt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse (selbst in den Naturwissenschaften) vom Geschlechterverständnis der WissenschaftlerInnen geprägt sind.“

Es geht „den Gender Studies“ im oben genannten Beispiel –sowie ganz grundsätzlich – nicht darum, die Mediziner (oder Biologinnen oder Soziologinnen) als Sexisten zu entlarven. Es geht darum, dass auch das, was wir wissenschaftlich anschauen, dadurch geprägt ist, wie wir zu sehen gelernt haben. Das lässt sich am Beispiel der Geschlechter sehr schön aufzeigen. Ziel ist es nicht, andere Wissenschaften schlecht zu machen, sondern besser. Objektivität wird nicht dadurch erzeugt, dass wir behaupten unsere Wahrnehmung sei objektiv, sondern wenn wir unsere Wahrnehmung reflektieren. Aber dazu ein andermal.

p.s. Einige Leute vermischen ziemlich wild politischen Feminismus und die wissenschaftliche Disziplin Gender Studies. Nur weil manche Feministinnen sowie VertreterInnen der Gender Studies das tun, müssen wir das ja nicht den gleichen „Fehler“ begehen. Wer noch nie Wissenschaft und Politik vermischt hat, möge den ersten Stein werfen…

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Eingeordnet unter bildung, gender, politik, wissenschaft

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