Gender-Studies sind KEINE Wissenschaft!

Das zumindest behauptet der Blogger Protostomia einem Post, der auch viele weitere Leckerbissen im Stil des untenstehenden Zitats bereithält:

„Gender Studies sind sowieso KEINE Wissenschaft – sind politisches Agenda-Setting mit einem ganz einfachen Zweck, und zwar Frauen dazu auszubilden, die heute noch von Männern besetzen Posten in der Gesellschaft durch das Verstehen der “männlichen Denkweise” (falls es so etwas denn wirklich gibt) zu erobern und sich den Platz in der “Welt von Karriere und Erfolg” zu sichern.“ (ebd.)

Was auch immer Gender-Studies sind, der Blog beweist auf vielfältige Weise, dass es sie braucht 🙂

Ok, noch einen, dann müsst ihr aber das Original lesen:

„Wer sich am besten anpasst in einer Gesellschaft und dabei die meisten Ressourcen für seine Nachkommen und seine Familie sammeln kann, hat den grössten reproduktiven Erfolg. Das ist ein Fakt und kann von niemandem abgestritten werden. Heute gilt: Wer das meiste Geld verdient, kann bzw. könnte die meisten Kinder ernähren und sein Erbgut und einen Teil seiner Weltanschauung am erfolgreichsten weitergeben.“ (ebd.)

Genau, und das war schon immer so, dass sieht man nicht nur heute beim Vergleichen von reichen und armen Menschen bzw. reichen und armen Gegenden der Welt! Und es war auch schon immer so, denkt nur an den Kindersegen, denn die Ritter und ihre Burgfräuleins im Mittelalter im Vergleich zu ihren Leibeigenen geniessen durften!

p.s. Dass neues Bild- und Tonmaterial aus der Steinzeit beweist, dass die Typen, die wegen gelähmten Beinen und sonstigen Gebrechen nicht den ganzen Tag auf der Jagd waren sondern zu Hause in der Höhle bei den Chicks geblieben sind, den ganzen Tag nichts anderes gemacht haben als Kinder, ist meiner Ansicht nach reinster Humbug!

Advertisements

26 Kommentare

Eingeordnet unter bildung, gender, kultur und truur, sex, Spass, wissenschaft

26 Antworten zu “Gender-Studies sind KEINE Wissenschaft!

  1. Hallo

    Ich bin mir einfach nicht sicher, ob du dich nur lustig machen möchtest oder nicht. Denn ich bin mir nicht sicher, ob meine Aussage klar genug formuliert ist ^^

    Egal ich schreib’s einfach mal zwei Ergänzungen.

    1.) Es gilt anzufügen: Solange eine Wissenschaft aus einer politischen Bewegung heraus entstanden und teilweise politisch motiviert ist, gilt es, ihr den Status als Wissenschaft abzusprechen.

    2.) Beachte das kann bzw. können in Kursiv-Schrift. Dass es arme bzw. schlechter gebildete Menschen sind, welche die meistne Kinder zeugen, ist klar. Ich beziehe mich aber explizit nicht auf die reale Verteilung der Geburtenraten, sondern auf eine hypothetische Überlegung, dass jemand mit sozialer und materieller Sicherheit logischerweise mehr Nachkommenschaft ernähren und erziehen kann, wie jemand, der in Armut oder Not lebt. Das „Zeugen und Gebären“ ist dann ein anderes Thema. Leider.

    Grüsse
    Protostomia

  2. Lieber Protostomia – ja, ich mache mich lustig über das, was du geschrieben hast, denn es zeigt, dass du von einem reichlich unreflektierten Wissenschaftsbegriff ausgehst und von Gender-Studies keine Ahnung hast. Und das wiederum zeigt meiner Ansicht nach, dass es die Gender-Studies braucht; auch, weil sie viel zum Verständnis der Wissenschaft aus konstruktivistischer Perspektive beigetragen haben.

    Stell dir mal vor, jemand würde über die Biologie schreiben, das sei keine Wissenschaft, sondern politisches Agenda-Setting mit einem ganz einfachen Zweck, und zwar Menschen dazu auszubilden, die heute noch von der Natur besetzen Teile der Erde durch das Verstehen der “natürlichen Denkweise” (falls es so etwas denn wirklich gibt) zu erobern und sich den Platz in diesen Teilen der Welt zu sichern.

    Stimmst du dem zu? Was macht denn Wissenschaft aus?

  3. p.s. Wie sind denn die Wirtschaftswissenschaften entstanden? Die Philosophie? Geographie?

  4. Jonas

    „1.) Es gilt anzufügen: Solange eine Wissenschaft aus einer politischen Bewegung heraus entstanden und teilweise politisch motiviert ist, gilt es, ihr den Status als Wissenschaft abzusprechen.“

    Steckt hinter der Aufklärung etwa keine politische Motivation? Und aus ihr ist ziemlich viel Wissenschaft hervorgegangen.

    Dein Pochen auf Wissenschaftlichkeit ist übrigens ehrenhaft, aber wende sie bitte auf deine eigenen Äusserungen an:

    „Die biologische und die kulturelle Evolution waren es, welche die Frauen und Männer von heute zu dem geformt haben, was sie sind. Die “patriarchalische Gesellschaft” ist nicht eine Erfindung der Männer, sondern entstand unter sehr vielen Einflüssen. So sind auch die Frauen mitverantwortlich für die heutige Form der Gesellschaft. Sie haben schliesslich während tausenden Jahren bei der Paarung jene Männchen bevorzugt, welche die erfolgversprechendsten Merkmale aufwiesen. Heute lebende Männer des Anti-Feminismus oder des Patriarchats zu beschuldigen ist also gleich falsch, wie Frauen als minderwertig zu bezeichnen oder sie auf ihre Funktion als “Gebärmaschinen” zu reduzieren.“

    Dieser Abschnitt ist ein Mischmasch aus biologischen, soziologischen und sprachlichen Ungenauigkeiten und Ungereimtheiten. Was verstehst Du unter Patriarchat? Inwieweit hat es sich aus einer sozialen Evolution (wie lässt sich diese definieren?) entwickelt, inwieweit aus der biologischen? Ist es legitim, im Zusammenhang von Evolution von Verantwortlichkeit zu sprechen? Sprichst du vom Menschen als kulturellem Wesen, einem also, welches sich von der Natur in einem gewissen Masse emanzipiert hat? Wenn ja, inwiefern ist es dann berechtigt, aus biologischen Determinanten soziale Sachzwänge abzuleiten? Wenn nein, wie konnte er dann den Regenschirm erfinden? Kann ein Mann des Patriarchats bezichtigt werden oder ist letzteres weniger eine individuelle, vielmehr eine gesellschaftliche Erscheinung? Wie lassen sich zwei völlig verschiedene Sachverhalte, ein Mann wird des Anti-Feminismus bezichtigt und eine Frau als Gebährmaschine bezeichnet, vergleichen, gar gleich stellen, und weshalb ist das sinnvoll?

    In gleicher Weise liess sich mit jedem Abschnitt aus Deinem Blog verfahren. Ich empfehle Dir deshalb, noch einmal von Vorne zu beginnen. Lies doch aber vorher mal ein Buch zum Thema. Das macht es für Dich einfacher. Erstens wirst Du wahrscheinlich einige neue Erkenntnisse gewinnen und zweitens kannst Du dann ein konkretes Moment aus diesem Buch nehmen, um es zu kritisieren. Damit ermöglichst Du auch einen ergiebigen Diskurs über deine Ideen. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, hast Du daran ja auch ein ehrliches Interesse.

    Noch ein Beispiel, um zu verdeutlichen was ich meine. Du schriebst:
    „Frauen (Weibchen) sind “bestimmt” dazu, die Kinder zu gebähren und der Mann (Männchen) versorgt die Frau in der Zeit der Schwangerschaft und des Stillens mit Nahrung. So zumindest war es vor ein paar Tausend Jahren. Es gab keine Ausnahme.“

    1. War das wirklich so? Warst Du dabei? Welche archäologischen Funde oder ethnologischen Erkenntnisse weisen auf so einen Sachverhalt hin?
    2. Wenn dem vor fünftausend oder vor vierzigtausend Jahren so gewesen sein sollte, weshalb ist das wichtig für die heutige Gesellschaft? Gleitest Du damit nicht in die Argumentation ab, dass, wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch fliegen kann, er ihm ein Paar Flügel verpasst hätte?

  5. Jonas

    Ich habe jetzt mal etwas rumgegoogelt.
    Popper bietet vielleicht einen guten Ausgangspunkt, sich mit Erkenntnistheorie auseinander zu setzen.
    http://www.ploecher.de/2006/11-PA-G1-06/Popper-Logik-der-Forschung-kurz.pdf
    Und dann habe ich noch dieses Buch gefunden, das auch noch vernünftig wirkt:
    http://books.google.ch/books?id=JGmagdzQZM8C&printsec=frontcover&dq=kritik+und+wissenschaftsgeschichte&lr=&cd=1#v=onepage&q=&f=false

    Damit ist natürlich noch nichts zur Feminismuskritik gesagt. Schaue doch mal auf Wikipedia unter Judiht Butler nach. Das könnte Dir eine völlig neue Perspektive eröffnen.

  6. Dann vorweg: Warum braucht es Gender Studies? Was machen diese, was andere Wissenschaften nicht auch können oder bereits tun?

    Vielleicht ist mein Wissenschaftsbegriff tatsächlich „reichlich unreflektiert.“ Ich persönlich definiere Wissenschaft folgendermassen: Nach dem Aufstellen einer Hypothese wird versucht, diese zu widerlegen (falsifizieren). Gelingt dies, wird die Hypothese verworfen. Ein Beispiel: Lebewesen haben sich über geologische Zeiträume verändert (Evolution). Diese Hypothese liess sich nie falsifizieren, nun ist es eine Theorie, Evolution selbst ist ein Fakt. Wissenschaft ist für mich das „schaffen von Wissen.“
    Doch das Verwenden dieses Wissens ist nicht mehr Wissenschaft. Wenn ich also die Evolutionstheorie anwende, um einer „Rasse“ Vorteile gegenüber anderen Menschen zuzusprechen, ist dies keine Wissenschaft mehr. Ebenso meine eigenen Äusserungen und Vermutungen. Sie entbehren Wissenschaftlichen Grundlagen und sind meine eigenen Vorstellungen davon, wie die Welt auszusehen hätte – und ich erwähne das auch an vielen Orten.

    Und ich werfe den Gender Studies genau das vor, was ich selbst auf meinem Blog praktiziere. Nur ist das, was ich schreibe, nicht politische Agenda und ich werde von niemandem gefördert oder gefordert. Mich darf man ignorieren oder angreifen ohne Konsequenzen für mich oder andere.

    Es hat seine Gründe, dass ich einen Blog mache. Ich möchte mich belehren lassen von anderen, ich möchte anecken oder provozieren. Sonst erhalte ich nämlich nirgends Antworten auf meine Gedanken. In einer Partei werde ich, wie in einem Studium, mit vorgefertigen Ideen abgefüllt und „that’s it“, Diskussionen sind selten erwünscht bzw. möglich.

    Sämtliche Einwände von Jonas sind natürlich „richtig“ in dem Sinne, dass sie mich der Ungenauigkeit überführen. Aber ich bin interessiert und wie in der Einleitung geschrieben, ich möchte mich eigentlich selbst nicht durch Vorurteile leiten lassen. Doch irgendwie macht es mich halt rasend, wenn Wissenschaft politisches Programm wird. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen – aber bei wem?

    Nun aber noch zur Evolution und der natürlichen Selektion der Männchen durch die Weibchen. Dass ein Geschlecht das andere selektiert, ist ein in allen Tierarten beobachtetes Phänomen. Als Beispiel möchte ich die Stockenten bringen. Das Männchen ist auffällig gefärbt, das Weibchen braun. Was auf den ersten Blick wie eine ästhetische Laune der Natur aussieht, hat für das Männchen tödliche Kosenquenzen. Während das Weibchen gut getarnt ist, präsentiert sich das Männchen in schillernden Farben potentiellen Feinden. Man könnte sagen, die Natur sei grausam – eigentlich ist dies aber sehr sinnvoll. So kann das Männchen Fressfeinde vom Weibchen und den Jungtieren weglocken, während diese sich (gut getarnt) verstecken. Bei sehr vielen Vögeln ist dies so. Und auch bei Reptilien und Säugetieren. Oder Fischen. usw. usw.

    Während Millionen von Jahren haben Weibchen oder Männchen aus noch nicht verstandenen und bei jeder Tierart verschiedenen Gründen bestimmte Merkmale bei Paarungen bevorzugt und somit eine Häufung dieses Merkmals herbeigeführt. Und dies hat sich bewährt.

    Auch bei Schimpansen und anderen Menschenaffen ist zu beobachten, wie der Sexpartner nach bestimmten Merkmalen ausgesucht wird. Und beim MENSCHEN ebenfalls. Es leuchtet bei der Betrachtung des globalen Kontextes ein, dass durch das Paarungsverhalten einer Population (nicht zwingend einer Art) gewisse Merkmale immer häufiger Auftreten. So vermutet die „Attraktivitätsforschung“, dass die Frauen über lange Zeit jene Männchen bei der Paarung bevorzugten, welche über jenes Sozialverhalten verfügten, welches die Aufzucht der Nachkommenschaft am ehesten gewährleistete. Dies könnten z.B. Durchsetzungsvermögen oder „wirtschaftlicher“ Erfolg gewesen sein (zuerst waren es Beeren und Kaninchen, heute der Lohnausweis).

    Anders formuliert: Wir wissen nicht, wie die Partnerwahl bei frühen Spezies der Gattung Homo funktioniert hat und wie sie sich verändert hat, wir sehen aber bei 100% der rezenten Tierarten, dass es bestimmte (oft soziale) Selektionsmechanismen gibt und gab. Entweder von beiden Geschlechtern oder nur von einem Geschlecht.

    Das bedeutet aber natürlich nicht, dass die Frauen dafür verantwortlich sind, wie die Gesellschaft heute ist. Genausowenig, wie Männer pauschal dem Maskulinismus verdächtigt werden können. Der Mensch als erste uns bekannte Tierart mit einer komplexen Sprache und der Fähigkeit, weltumspannende Zivilisationen aufzubauen, ist eine Ausnahme in der Biologie: Er hat sich der natürlichen Selektion entzogen und selektiert sich gewissermassen nur noch selbst. Wir sind (nach heutigem Wissen) somit die erfolgreichste Säugetier-Art der Geschichte der Erde. Sogar so erfolgreich, dass wir die „Fortpflanzungsmechanismen“ selbst festlegen können und unsere Gesellschaftsform, unsere Moral und unsere Verhaltensweisen massgeblich gemeinsam diskutieren und festlegen.

    Ich habe einfach so verdammt Mühe damit, dass sich gewisse Forschungsrichtungen versuchen „losgelöst“ vom allumspannenden Kontext hinzustellen und mit Ideen und Vorstellungen der Gesellschaft arbeiten, ohne dies strikte zu kommunizieren.

    Man sagt doch auch: Jedes politische System und jede Gesellschaft hat ihre eigene Wissenschaft. Wir sehen es an Amerika, China, Russland und an alten Regimen (Drittes Reich, Kommunismus), wie die Forschung immer das erforscht, was dem System oder einer Weltanschauung dient. Und ich habe stets den Eindruck, erst die Naturwissenschaften sind langsam dazu in der Lage, diese Problematik hinter sich zu lassen.

    Ich wünschte mir so sehr, wir bräuchten diese Diskussionen nicht. Aber ich weiss nicht, wie man diese hinter sich lassen kann…

    PS: Als Teil der Natur sind alle unsere Verhaltensweisen natürlich! Wir können uns nicht unnatürlich verhalten, wir können nur so tun, als gäbe es bestimmte „gute“ oder „schlechte“ Handlungen – z.B. wenn eine bestimmte unsere Gesellschaft schützt (z.B. die Gründung einer Familie, das bewahren der Biodiversität, Nachhaltiges Leben).

    PPS: Das hochentwickelte Gehirn ist noch lange nicht verstanden. Wir sind trotz allem nicht in der Lage, die Prozesse des Denkens, Sprechens und sozialen Verhaltens empirisch zu beschreiben. Somit kann es ein fataler Fehler sein, den Mensch als „emanzipiert“ oder „entwickelt“ zu bezeichnen, geschweige denn, ihm einen „freien Willen“ oder „Absicht“ zu unterstellen.

    Wäre es nicht möglich, dass wir einfach alle biochemische Maschinen sind und die ach so komplizierten gesellschaftlichen Probleme Ergebnisse von Genen sind, welche durch die Bevölkerungsexplosion stark verbreitet sind und im Schnitt zu einem grösseren reproduktiven Erfolg führen? So als Abschluss meines Beitrags also noch ein bisschen Science-Fiction 😉

  7. Jonas

    Ja, der Mensch ist grundsätzlich mal eine biochemische Maschine, welche auch Gene beinhaltet. Das ist die biologische Betrachtungsweise, welche sicher ihre Berechtigung hat. Somit basiert jedes menschliche Handeln auf irgendwelchen biochemischen Vorgängen. Doch da ist noch mehr, und dazu muss ich jetzt ein wenig ausholen:

    Eine Bombe ist ein Behältnis voller Sprengstoff, welches durch eine Zündung zur Explosion gebracht werden kann.
    Ein Feuerwerkskörper ist ein Behältnis voller Sprengstoff, welches durch eine Zündung zur Explosion gebracht wird.

    Sind eine Bombe und ein Feuerwerkskörper also dasselbe? Nein. Das eine dient dazu, Menschen zu töten, das andere, Menschen zu unterhalten. Bei dieser Unterscheidung wird also nicht mehr die chemische Funktion der beiden Gegenstände betrachtet, sondern ihre soziale Funktion. Kaum jemand sagt (ausser vielleicht Doktor Strangelove), Bomben sind einzig dazu da, dass sie explodieren. Das wäre nur ihre chemische Funktion, und darin unterschiede sich eine Bombe nicht von einem Feuerwerkskörper. Bomben sind dazu da, dass Menschen einander drohen können, einander töten können, im Sinne eines Kriegskeynesianismus sind sie vielleicht auch dazu da, eine Volkswirtschaft am Laufen zu halten. Und all diese Dinge lassen sich nicht aus der chemischen Funktionsweise einer Bombe ableiten.

    Und wenn sich eine Bombe in einen gesellschaftlichen Kontext einordnen lässt, dann natürlich auch der Mensch, der ja den gesellschaftlichen Kontext erst ermöglicht. Viele Menschen bringen die biochemischen Voraussetzungen mit, sich fortzupflanzen. Doch kaum einer sagt (ausser vielleicht Sigmund Freud), Menschen sind einzig dazu da, sich fortzupflanzen. Das ist ein biochemisches Potenzial vieler Menschen, aber auch vieler Pflanzen und Tiere (von mir aus kann das auch „anderer“ Tiere heissen). Menschen existieren jedoch auch in einem sozialen Kontext, und in diesem Kontext lässt er sich nicht mehr auf seine biochemischen Funktionen reduzieren.

    So. Und die Gender Studies schauen jetzt den Menschen in diesem sozialen Kontext an. Dabei stellen sie Thesen auf, die kontrovers diskutiert werden, falsifiziert werden, weiterentwickelt werden, in der Empirie überprüft werden und so weiter.

    In deiner Argumentation meine ich das Problem auszumachen, dass ich nach wie vor nicht weiss, was du eigentlich kritisieren willst (welches Konzept aus den Gender Studies findest Du konkret falsch?) und meines Erachtens trennst Du nicht zwischen der chemischen und der sozialen Funktion der Bombe.

    Ich glaube, dass dies zuerst geklärt werden muss. Danach können wir uns erst darüber unterhalten, ob Wissenschaft durch die politischen Umstände beeinflusst ist, auch darüber, ob etwas anderes überhaupt möglich wäre.

  8. @ protostomia: Jonas hat schon ganz viel geschrieben, ich glaube, im Moment bist du eingedeckt mit Literatur-Vorschlägen. Hier aber noch ein konkretes Beispiel für Ergebnisse der (grundsätzlich inter- oder transdisziplinär forschenden) Gender-Studies:

    „Allgemein bekannt ist, dass Frauen im Durchschnitt älter als Männer werden und sich gesundheitsbewusster verhalten. Weniger bekannt ist, dass Frauen häufiger an Herzerkrankungen sterben als Männer. Wie lässt sich das erklären? Betroffene und ÄrztInnen erkennen die besonderen Merkmale des Infarkts bei Frauen wie Übelkeit und Erbrechen zu spät als Herzinfarkt-Symptome. Denn: Bis vor kurzem galt Herzinfarkt als typische Männerkrankheit. Auch analysierte die Forschung vornehmlich die Symptome männlicher Herzpatienten und entwickelte Medikamente für sie. Dies zeigen Studien der medizinischen Geschlechterforschung. Während Krankheitssymptome bei Männern gut erforscht sind, wissen wir kaum etwas über ihr alltägliches Gesundheitsverhalten. So zeigt sich: Eine ausgewogene, auf beide Geschlechter fokussierte Medizin hat direkte Auswirkungen auf Forschung, Lehre und Praxis der Medizin und der Pflege. Ein Schwerpunkt der Gender Studies liegt daher auf der „Geschlechterblindheit“ der Wissenschaften. Sie zeigt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse (selbst in den Naturwissenschaften) vom Geschlechterverständnis der WissenschaftlerInnen geprägt sind.“

    Quelle: http://genderstudies.unibas.ch/studium/gender-studies-was-ist-das/

  9. Noch einmal vielen Dank. Leider bin ich noch nicht am Ende meiner Überlegungen angelangt – ein fruchtbares Ende zeichnet sich jedoch ab! 🙂

    Nur rasch noch zwei Anmerkungen (woran ich gerade herumüberlege):

    – Die Bomben-Feuerwerkskörper-Unterscheidung ist zwar philosophisch interessant, doch sie vergisst, dass das eine aus dem anderen entstand bzw. beides ähnlich benutzt werden kann. Die Unterscheidung verwirrt mehr, als dass sie Klarheit schafft (zumindest für mich). Und genau das Problem haben auch andere gesellschaftliche Fragen – immer nach dem „Huhn-Ei-Huhn-Prinzip“ – Ursache und Wirkung, zeitliche Abfolgen usw. Und genau das ist es ja, was es mir (und anderen) so schwierig macht, die eigenen Gedanken so zu formulieren, dass sie zum einen ergänzend oder hilfreich sind, zum anderen aber nicht verletzend oder destruktiv.

    – Von der „Geschlechterblindheit der Naturwissenschaften“ habe ich nun das erste Mal etwas gehört. Ich denke, diese geht hauptsächlich davon aus, dass die Gegenstände von Untersuchungen nicht nach Geschlecht beurteilt werden können (aufgrund der Haupthypothesen) oder die Forschung am Menschen und somit an Geschlechtern ethisch stets kritisiert und blockiert wurde. Und auch ihr werdet mir zustimmen, dass grossangelegte Verhaltensbiologische Untersuchungen am Menschen schwierig zu realisieren, geschweige denn zu rechtfertigen sind…

    Dies als kurzer Statusbericht – werde nächste Woche noch einen Artikel verfassen und mich präzisieren bzw. „finden“ 🙂

    Danke für eure Antworten und Reaktionen!

  10. Jonas

    Die Bomben-Feuerwerkskörper-Unterscheidung vergisst nicht, dass das eine aus dem anderen entstand. Dies ist in diesem Zusammenhang einfach nicht relevant. Es ging einzig darum zu zeigen, dass etwas rein mechanisch zwar dasselbe sein kann, in einem gesellschaftlichen Kontext aber etwas völlig unterschiedliches. Und diese beiden Ebenen, die soziale und die mechanische/organische, gilt es scharf zu trennen.

    Ich nehme ein Beispiel aus Deinem Text, um zu verdeutlichen, was ich meine:
    „Die biologische und die kulturelle Evolution waren es, welche die Frauen und Männer von heute zu dem geformt haben, was sie sind. Die “patriarchalische Gesellschaft” ist nicht eine Erfindung der Männer, sondern entstand unter sehr vielen Einflüssen. So sind auch die Frauen mitverantwortlich für die heutige Form der Gesellschaft. Sie haben schliesslich während tausenden Jahren bei der Paarung jene Männchen bevorzugt, welche die erfolgversprechendsten Merkmale aufwiesen. Heute lebende Männer des Anti-Feminismus oder des Patriarchats zu beschuldigen ist also gleich falsch, wie Frauen als minderwertig zu bezeichnen oder sie auf ihre Funktion als “Gebärmaschinen” zu reduzieren.“

    Du unterscheidest zuerst zwischen einer biologischen und einer kulturellen Evolution. Du machst also die Trennung zwischen einer biologischen/organischen/mechanischen und einer sozialen/kulturellen Ebene.
    Die biologische Evolution besteht im Wesentlichen aus drei Elementen:
    1. Biologische Merkmale können weitervererbt werden.
    2. Zufällige Mutationen bringen neue biologische Merkmale hervor.
    3. Bestimmte biologische Merkmale können das Überleben eines individuellen Geschöpfes begünstigen.
    Und jetzt gilt es, exakt zu bleiben! Ein bestimmter Genotyp setzt sich durch, weil er am besten an die Umwelt angepasst ist und deshalb überlebt. Und nicht, weil er von den „Weibchen“ bevorzugt wird. Das wäre eine etwas verquere Betrachtungsweise: Das „Männchen“ mutiert und die „Weibchen“ sorgen dafür, dass sich das am besten angepasste „Männchen“ fortpflanzen kann. „Männchen“ und „Weibchen“ mutieren, und fortpflanzen können sich jene Typen am besten, welche die grössten Überlebenschancen haben. Das wäre doch ein schöner Satz für einen Western, der von einer tiefen und rauen Stimme aus dem Off gesagt wird: „Tote pflanzen sich nicht fort, Kleiner.“
    Nun gibt es natürlich Tiere, zum Beispiel Enten, die, zumindest über einen Fortpflanzungszyklus, monogam leben und bei denen die Weibchen im Balzzeremoniell aus einer Vielzahl von Männchen eines auswählen. Ob dies ein entscheidender Faktor der Selektion im Rahmen der Evolution ist, lässt sich nicht sagen, da wir ja nicht voraussehen können, wie eine neue Entenart aussehen wird. Vielleicht sterben die Enten wegen dieser aufwändigen Balzerei auch aus.
    Dass der Mensch sich aus einer Paare bildenden Art herausentwickelt hat, bei der die „Weibchen“ aus verschiedenen männlichen potentiellen Geschlechtspartnern einen auswählte, ist ziemlich unwahrscheinlich (man bedenke, dass der Bonobo der nächste Verwandte unter den Primaten ist, und da erzählt man sich ja Sachen). Und wäre dem trotzdem so, müsste untersucht werden, inwiefern dieser Sachverhalt selektionsrelevant war.
    Bezüglich der Fortpflanzung des Menschen lässt sich ganz salopp sagen, dass es dazu zwei Menschen braucht. Der eine Mensch bringt dabei sportlich aktive Mikrogameten mit, der andere Mensch steuert eine gemütliche Makrogamete bei und stellt den Uterus zur Verfügung, in dem sich die Zygote zum Fötus entwickeln kann. Der Mikrogameten-Mensch wird Mann genannt, der Makrogameten-Uterus-Mensch Frau. Und weil der Mensch keine halben Sachen macht, teilt er gleich alle Menschen in Mann und Frau ein. Es wäre zu untersuchen (und wird auch untersucht), ob diese verallgemeinernde Einteilung biologisch überhaupt sinnvoll ist.

    Zwischenfazit:
    a. Die biologische Evolution antizipiert keine patriarchale Gesellschaftsstruktur (auch keine matriarchale).
    b. Auch die Einteilung aller Menschen in Frauen und Männer ist biologisch betrachtet fraglich, da zwar einige Menschen die zur geschlechtlichen Fortpflanzung benötigten Attribute haben, aber bei weitem nicht alle.

    Es ist aber Fakt, dass in unserer Gesellschaft alle Menschen auf zwei Geschlechter aufgeteilt werden, und es ist ebenso ein Fakt, dass unsere Gesellschaft patriarchal strukturiert wird, es also eine Fixierung auf den Mann gibt, er massgebend ist. Auf der biologischen Ebene lässt sich dafür kein Grund finden. Wir müssen also die kulturelle/soziale Ebene untersuchen, um herauszufinden, weshalb dem so ist.

    Du bringst den Begriff der kulturellen Evolution ins Spiel. Diese bezeichnet die Entwicklung der Gesellschaft. Man könnte auch von Fortschritt reden, wobei dieser Begriff jedoch oft positiv konnotiert ist, also darunter eine Entwicklung hin zum Besseren verstanden wird, was Fortschritt nicht unbedingt sein muss (Primitivisten gehen sogar davon aus, dass Fortschritt eine Entwicklung hin zum Schlechteren darstellt.) Bevor mit dem Begriff der kulturellen Evolution hantiert wird, muss zuerst einmal angeschaut werden, worin er sich wesentlich vom Begriff der biologischen Evolution unterscheidet:
    1. Die biologische Evolution führt zu neuen Arten. Die kulturelle Evolution verändert das Zusammenleben der Individuen einer Art, wobei keine neuen Arten entstehen.
    2. Hinter der biologischen Evolution stehen keine Absicht und kein Zweck (spätestens hier werden sich die Kreationisten aus der Diskussion ausklinken). Sie geschieht zufällig. Hinter der kulturellen Evolution stehen jedoch durchaus Absichten, nämlich die aller Menschen zusammen. Das zufällige Moment entsteht, weil das Zusammenwirken einer Vielzahl von Absichten zu Ergebnissen führt, welche nicht exakt vorausgesehen werden können, da dieser Prozess nicht gesteuert werden kann.
    3. Die biologische Evolution basiert darauf, dass biologische Merkmale biologisch weitervererbt werden können. In der kulturellen Evolution werden kulturelle Merkmale weitervererbt, und zwar nicht biologisch, sondern kulturell. Man spricht ja auch von einem kulturellen Erbe. Es entsteht also aus dem patriarchalen Erbe kein Homo Sapiens Patriarchalis, wie es Dein von mir zitierter Abschnitt vermuten lässt, sondern die patriarchale Form des Zusammenlebens setzt sich fort.
    Die kulturelle und die biologische Evolution sind also nicht zwei ähnliche Dinge, nur weil beide den Begriff Evolution enthalten, was ja einfach Entwicklung heisst. Es sind zwei grundverschiedene Dinge, weshalb vor der einen Evolution biologisch steht und vor der anderen kulturell. Trotzdem gibt es gewisse Gemeinsamkeiten. Beiden eigen ist eine relative Zufälligkeit: Weder ist es auf die Entscheidung eines Gottes zurückzuführen, dass der Mensch entstand, noch hat Montesquieu die Aufklärung erfunden. Der Mensch entstand aus dem Zusammenwirken verschiedener biologischer Faktoren, die Aufklärung bildete sich aus verschiedenen sozialen Umständen heraus.
    Doch der wesentliche Unterschied bleibt: Hinter der kulturellen Evolution stehen die Menschen, die denken, die Entscheidungen treffen können. Deshalb ist die patriarchale Gesellschaft nicht in Stein gemeisselt, sondern lässt sich überwinden. Dann nämlich, wenn die gesellschaftlichen Umstände dies erlauben. Also auch wenn die Urmenschen in ihren Höhlen eine klare Geschlechtertrennung hatten (und das hatten sie ziemlich sicher nicht), ist es heute möglich, eine andere Form des Zusammenlebens zu finden.

    Ich komme auf den zitierten Abschnitt zurück: Es war nicht die biologische Evolution, die Männer und Frauen zu dem gemacht hat, was sie heute sind. Die biologische Evolution hat den Menschen gemacht – nicht zu dem, was sie heute sind, sondern zu dem, was sie überhaupt sind. Auch die kulturelle Evolution hat die Männer und Frauen nicht zu dem gemacht, was sie heute sind. Die kulturelle Evolution hat die Gesellschaft zu dem gemacht, was sie heute ist, und sie wird sie zu dem machen, was sie morgen ist. Die Gesellschaft, wie sie heute ist, teilt die Menschen in Frauen und Männer ein und gesteht dem Mann eine andere Stellung zu als der Frau. Das untersuchen zum Beispiel die Gender Studies. Die Gesellschaft von morgen könnte diesen Zustand überwinden. Das fordern zum Beispiel die Feministinnen und Feministen.
    Die patriarchale Gesellschaft ist nicht aus der Bevorzugung patriarchaler „Männchen“ durch die „Weibchen“ entstanden. Hier vermischst Du die biologische und die kulturelle Evolution. Es gibt kein Macho-Gen, das weitervererbt wurde.
    Weder die Gender Studies noch die Feministinnen und Feministen werfen den Männern vor, dass wir heute in einer patriarchalen Gesellschaft leben. Die Feministinnen und Feministen werfen es Männern und Frauen vor, wenn sie nichts gegen diesen Zustand unternehmen.

    • Siehe auf meinem Blog, es gibt einen neuen Erklärungsversuch.

      Doch hier nur noch so viel: Ich habe NIE etwas von einem Macho-Gen o.ä. gesagt. Ich bin vielleicht unreif und ungeschickt, aber das wäre selbst für mich zuviel. Was es aber sicher gibt, sind so genannte „epigenetische Effekte.“ Diese sind erst kürzlich das erste Mal erwiesen worden und man ist noch meilenweit vom Verständnis davon entfernt. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass erfolgreiche Verhaltensweisen sich über Generationen auch genetisch festsetzen bzw. von Erbfaktoren beeinflusst werden. Urinstinkte und andere angeborene Verhalten werden schliesslich auch vererbt und durch die Erziehung zum adulten Verhaltensweisen gezogen.

      Und damit rechtfertigte ich keineswegs eine oder die andere Form der Gesellschaft!

    • Und ja: so wenig wie ich es wissen kann, dass die patriarachale Gesellschaft durch Bevorzugung „patriarchaler Männchen“ durch Weibchen entstand, kannst du wissen, dass sie NICHT so entstand 🙂

      Wir sind beide ungenau und sollten uns nicht das vorwerfen.

  11. Es gibt wirklich kein Macho-Gen???

  12. Jonas

    Okay, ich habe das Macho-Gen. Grrr… Ich und Chuck Norris.

  13. k.

    ach jonas, *träneausdemaugewischend*; das hast du so schön geschrieben (nein, nicht das mit chuck norris)! jetzt hast du dir ein sternli im büechli der genderpolizei verdient; diese rede würde sogar ein ross feministisch machen!

  14. Pingback: A Protostomian View of the World

  15. Jonas

    Du störst Dich daran, dass ich Dir unterstelle, du gingest von einem Macho-Gen aus. Die Begriffswahl ist auf eine latente Witzigkeit zurückzuführen, an der ich leide. Inhaltlich ist es mir aber durchaus ernst damit: wäre das Patriarchat das Resultat der biologischen Evolution, dann hätte sich also bei einer vormenschlichen Art durch Mutation ein Gen (das Macho-Gen!) entwickelt, welches zu einer patriarchalen Verhaltensweise führt. Diese genetisch bedingte patriarchale Verhaltensweise hätte ein Selektionsvorteil gegenüber den nicht mutierten Vormenschen dargestellt, diese wären also eher gestorben, ohne sich fortzupflanzen, bis die Trägerinnen und Träger des Macho-Gens die anderen vollständig verdrängt gehabt hätten. Die neue Art, der Mensch, hätte sich unter anderem also dadurch ausgezeichnet, dass sie Trägerin dieses Gens ist.
    Und wenn es nicht so war, sagst Du, könnte sich die Herausbildung des Patriarchats dennoch mit der biologischen Vererbung erklären, anhand eines epigenetischen Effekts nämlich. Und weisst Du, was jetzt nett gewesen wäre? Wenn Du erklärt hättest, was ein epigenetischer Effekt ist. Ich hatte nämlich keine Ahnung, was das ist. Du hättest schreiben können:

    „Gene sind Erbinformationen, sozusagen Teile eines Bauplans. Diese Informationen sind in einem Molekül gesammelt, das unpraktischerweise Desoxyribonukleinsäure heisst, praktischerweise aber mit DNA abgekürzt werden kann. Die jeweilige Ausprägung des Bauplans wird Genotyp genannt. Die Erscheinungsform eines Wesens Phänotyp. Der Phänotyp ist abhängig vom Genotyp. Der Prozess, bei dem sich ein Genotyp in einem Phänotyp ausdrückt, heisst Genexpression. Die Veränderung des Genotyps (durch Mutation) kann zu einem anderen Phänotyp führen. Soweit, so gut. Doch lustigerweise kann sich der Phänotyp auch verändern, ohne dass sich der Genotyp verändert. Denn wesentlich bei der Heranbildung des Phänotyps ist die Genregulation. Bei der Genexpression werden nämlich nur bestimmte Teile des Bauplans ausgewählt, während andere nicht beachtet werden.
    Die Epigenetik hat nun herausgefunden, dass sich unter Umständen auch die Genregulation weitervererben lässt. Diese wird unter anderem durch Histone, das Verpackungsmaterial der DNA, gesteuert. Eine Veränderung des Verpackungsmaterial kann viel leichter geschehen als eine Genmutation. Bei den Drosophila-Fliegen kann zum Beispiel ein Temperaturunterschied dazu führen, dass sich die Augen nicht weiss, sondern rot färben. Und diese roten Augen können weitervererbt werden. Die Erbinformationen verändern sich dabei aber nicht. Versuche mit Mäusen führen zur Frage, ob sogar Verhaltensweisen auf diese Weise verändert und vererbt werden können. (siehe Quelle blablabla)“

    Das hättest Du tun können, nun habe ich es getan, weil ich nicht nur an latenter Witzigkeit, sondern auch an chronischer Nettigkeit leide. Der Nachteil ist, dass ich in Biologie eine totale Niete bin und deshalb nicht weiss, ob die Erklärung wirklich adäquat ist.

    Wenn ich Dich richtig verstanden habe, willst Du also sagen, dass es möglicherweise kein Macho-Gen gibt, aber eine machomässige Verpackung für die Gene (wahrscheinlich Goldkettchen, Bermudashorts und Hawaii-Hemden), Macho-Histone (wenn Dir der Gebrauch des Begriffs Macho meinerseits auf den Keks geht, setze dafür zum Beispiel „patriarchatsauslösend“ ein). Das hat den Vorteil, dass nicht gerade eine neue Art entstehen muss, sondern so eine Veränderung auch innerhalb der menschlichen Art von Statten gehen kann. Die Frage bleibt trotzdem: Welche Hinweise gibt es, dass eine patriarchale Gesellschaftsstruktur genetisch bedingt ist?

    Zu Deinem zweiten Kommentar: Ich gebe zu, dass ich in Biologie eine Pfeife bin. Aber ich habe immer geglaubt, die Prinzipien der Evolution seien mir klar. Auch mit etwas rumgoogeln und einem Blick ins Lexikon bin ich auf keinerlei Quellen gestossen, die besagen, dass die Selektion durch die Weibchen, und nicht durch die Umweltfaktoren, vollzogen wird. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich meine alten Biologiebücher weggeschmissen oder verschenkt haben muss. Kennst Du einen Biologen oder eine Biologin?

    Zu Deinem neuen Text auf Deinem Blog: Da ich jetzt ziemlich lange gebraucht habe, um herauszufinden, was die Epigenetik ist und welches ihre Erkenntnisse sind, bin ich nicht mehr dazu gekommen, ihn tiefergehend zu studieren. Das werde ich aber sicher noch nachholen.

  16. Hallo Jonas

    Das tut mir leid, manchmal benutze ich auch die Begriffe ohne daran zu denken, dass andere sie vielleicht nicht kennen. Ich bin auch kein Vererbungsexperte, aber der Text scheint mir nicht schlecht. Meine Erklärung hätte wie folgt ausgesehen:

    Beim Heranwachsen und Leben eines Individuums von der Befruchtung bis zu seinem Tod werden die Millionen von Genen in unterschiedlichen Abfolgen und Kombinationen „abgelesen.“ Dies führt zu dem für uns typischen Bild des Wachstums und Alterns. Lange Zeit war man sich sicher, dass nach der Befruchtung der Eizelle durch das Spermium die genetische Information eines Individuums unveränderlich, quasi eingefroren wird. So wurde die Evolutionstheorie bis vor ein paar Jahren begründet: Jedes Individuum hat eine angeborene „Fitness“, Angepasstheit an seine Umwelt. Hat es von Mama und Papa „gute“ Gene erhalten, so ist sein Überleben bis zur Fortpflanzung und somit zur Weitergabe der Gene wahrscheinlicher als mit „schlechteren“ Genen. Dadurch wird sich über die Zeit eine Veränderung des Genpools (Gesamtheit aller Gene in einer Population) einstellen und die Art kann sich verändern (siehe auch: Hardy-Weinberg-Gleichung, Genetische Vielfalt, Variation)
    Man ging auch davon aus, dass die Umwelt zwar einen Einfluss auf den Phänotyp, also Physiologie und Morphologie des Individuums haben kann (phänotypische Plastizität), evolutive Prozesse aber nur durch „zufällige Mutation“ gesteuert werden (das Erbgut veränderte sich ja laut Theorie nicht mehr während der Lebenszeit).
    Doch neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Umwelt durchaus auf die Keimzellen (Spermien, Eizellen) Auswirkungen haben kann. Sei dies über Histone oder DNA – erworbene Eigenschaften können in gewissen Fällen an die Nachkommenschaft weitergegeben werden. Dies würde bedeuten, dass sich über die Jahrtausende und Jahrmillionen „erlernbare“ oder „erlebte“ Dinge in das Erbgut einschleichen und somit eines Tages zu „fixen genetischen Programm“ gehören.

    Btw.: Habe gerade kürzlich einen Vortrag über die Histon-Vererbung gehört. Nach der Analyse der Histon-Zusammensetzung in den Gameten (Ei- und Spermazellen) sowie nach der Befruchtung hat sich gezeigt, dass die Histone des einen Geschlechts durch die des anderen ersetzt werden. Leider finde ich diesen Vortrag nicht mehr – dafür viele Interessante Links zu anderen Untersuchungen… könnte mich nächtelang verlieren… 😦

    Nun aber zum eigentlichen Clue meiner Aussagen zur Selektion und der Favorisierung eines bestimmten Typs Fortpflanzungspartners.

    Es spielt eigentlich keine Rolle, ob das Verhalten in den Genen steckt oder von irgendwo gelernt wurde: Wenn es sich als erfolgreich erweist, wird es weitergegeben und von anderen aufgenommen. Ein hypothetisches Beispiel aus einer Population von frühen Vorfahren des Menschen:
    Viele Frauen beobachten, dass sich eine bestimmte Kaste Männer bildet in der Population. Diese „neuen Männer“ sind erfolgreiche Jäger, können ihre Höhlen/Schlafplätze/Territorium gut verteidigen, können gut kommunizieren und andere Artgenossen beeinflussen. Die Frauen sehen auch, dass diese Männer immer Essen. Sie entscheiden sich vielleicht eher für einen solchen Mann, als für einen, der weniger „erfolgreich“ scheint. Und die Entscheidung macht sich bezahlt: Durch die gesicherte Nahrung, genügend Felle im Winter, ein sicherer Platz am Feuer, Schutz vor Übergriffen durch andere Männer usw. führen dazu, dass diese Frau mehrere Kinder gebären und grossziehen kann. Sie wird nun ihren Söhnen (durch den Vater?) zeigen, wie sie erfolgreich sein können bei der Fortpflanzung bzw. eine gute Stellung in der Gruppe einnehmen können. Das Verhalten wird also von einem Mann auf vielleicht drei oder mehr Männer weitergegeben. Aber auch die Töchter lernen, auf was sie bei einem Mann achten müssen.
    Die Männer, nicht dumm, beginnen nun, diese von den Weibchen als attraktiv betrachteten Verhaltensweisen zu kopieren – das Macho-Verhalten ist geboren. Nach nochmals 20‘000 Jahren sieht die Gesellschaft vielleicht wieder anders aus – umgekehrt. Und nach nochmals 20’000 Jahren wieder anders. Das Wissen um das Anwerben von Sexualpartnern sowie das „sich sichern von fortpflanzungsfähigen PartnerInnen“ führt über die Jahre der Evolution zu bestimmten Mustern bzw. „Werten“ und Wissensschätzen. Auch die Ehe ist im Prinzip nichts anderes als eine Form der Partnerbindung – natürlich daneben noch viel mehr, aber das sicher auch.

    Fazit: Die Evolution ist mehr, als nur das Vererben gewisser Gene und die Wahrscheinlichkeit, sich fortzupflanzen. In komplexen Gesellschaften entscheidet auch nicht nur die individuelle Fitness, das Ziel ist immer die Sicherung der Existenz der Art. Und die Weitergabe des eigenen Erbguts kann auf zwei Arten erreicht werden: Sich durchsetzen (Macho/Emanze) oder sich die Fortpflanzung erkaufen/erschleichen (Unterwerfung des einen Individuums unter das andere, Auslieferung). Man spricht in der Verhaltensbiologie auch von der Tit-for-Tat-Strategie (http://www2.owen.vanderbilt.edu/Mike.Shor/courses/GTheory/docs/Axelrod.html)
    Wenn eine „Strategie“ in einer Gesellschaft Erfolg bringt, wird sie weiter verwendet. Das „Patriarachat“ muss lange Zeit eine gute Strategie gewesen sein, Nachkommen zu zeugen und ins Erwachsenenalter zu bringen. Deshalb vermutete ich auch, dass es durchaus auch „biologische Gründe“ für eine Gesellschaftsform geben könnte…
    Und in der Evolution ist „gut“ bei weitem gut genug! Bewährt sich etwas, wird es akzeptiert und konserviert. Heute, da sind wir uns einig, würde uns ein Patriarchat ins Verderben reiten (wie schon so oft). Deshalb suchen wir Menschen nach neuen Strategien, verändern unsere Vorstellungen. Das ist gut und wichtig – aber warum es gut ist, wissen wir nicht. Es könnte Teil eines versteckten Gens sein, oder einfach reine Intelligenzprozesse…
    Hmmm… mehr fällt mir gerade nicht mehr ein. Sag mir doch noch, was dir zu meinem neuen Artikel noch einfällt 🙂

  17. Jonas

    Wir befinden uns jetzt mitten in der Diskussion über die „Natur des Menschen“. Dass wir darüber überhaupt diskutieren können, liegt an der Zerebralisation, also an der Entwicklung unserer Grosshirnrinde. Diese gibt dem Menschen das Potential zu lernen, zu reflektieren (nicht im Dunkeln, sondern über Zusammenhänge), zu abstrahieren. Was alles zur „Natur des Menschen“ gehört, ist natürlich sehr umstritten. Die einen sagen, Religiosität gehöre dazu, andere, zum Beispiel Du, sagen, patriarchale Gesellschaftsstrukturen gehören dazu, noch andere sagen, es sei Unsinn, überhaupt von einer „Natur des Menschen“ auszugehen. Nun lassen sich, zumindest heute, noch keine abschliessenden Antworten auf die Frage der „Natur des Menschen“ geben. Die Frage ist aber, ob dieser Aspekt für unsere Diskussion überhaupt wichtig ist. Denn hier kommt ein Moment mit ins Spiel, welches ganz eng mit der Sache der Zerebralisation verbunden ist: die Emanzipation von der Natur. Der Mensch kann darüber diskutieren, was in der „Natur des Menschen“ liegt und was nicht. Das Konzept von der „Natur des Menschen“ ist sogar Ergebnis einer solchen Diskussion. Hühner zum Beispiel mögen viel gackern. Aber sie gackern bestimmt nicht darüber, ob das Leben in einer Hackordnung tatsächlich das non plus ultra ist, ob diese Gesellschaftsordnung in der „Natur des Huhnes“ liege oder auch anders möglich wäre, da ihr Gehirn ihnen das gar nicht erlaubt. Die Menschen haben sich also zumindest soweit von der Natur emanzipiert, als dass sie nicht einfach nach einem Muster leben, sondern dieses Muster überdenken und ändern können. Dieses Sinnieren, dieses Überdenken und Diskutieren kann man Kultur nennen. Zur Kultur sagt Thomas Bargatzky, ein Ethnologe: „Kultur ist ein Teil der biotischen Ausstattung des Menschen.“ Er führt dann weiter aus, dass alles, was der Mensch biologisch mit sich bringt, immer im Zusammenhang mit der Kultur gesehen werden muss. Es ist also zum Beispiel klar, dass der Mensch ab und an das Bedürfnis hat, seine Gedärme zu entleeren. Ob er dies aber alleine im Häuschen macht, oder in der römischen Gemeinschaftslatrine, kommt auf die kulturelle Ausprägung drauf an. (Dieses fäkale Beispiel ist von mir, nicht dass Du jetzt Falsches von Bargatzky denkst.)
    Liegt nun das patriarchale Gesellschaftsgefüge von heute in der „Natur des Menschen“ verankert? Wenn nein, können wir uns sofort nur noch auf einer soziologischen (in Abgrenzung zur biologischen) Ebene über das Patriarchat unterhalten. Wenn ja, auch! Denn die Geschichte hat gezeigt, dass es die Kultur erlaubt, sich über eine (allfällige) natürliche patriarchale Disposition des Menschen hinwegzusetzen. Die ganze „Natur-des-Menschen“-Diskussion wäre nur dann relevant, wenn die Natur ein nicht-patriarchales Zusammenleben der Menschen verbieten würde. Da sie dies nicht tut, können wir getrost darauf verzichten, auf endgültige Antworten aus der Biologie zu warten, inwieweit nun das menschliche Verhalten durch Gene und Histone vorherbestimmt ist.

  18. John McGarlick

    Protostomia – ohne den ganzen Thread gelesen zu haben, lass dir sagen – du bist bei weiten nicht der einzige der den Gender Studies die Wissenschaftlichkeit abspricht. Die Gemeinde der Skeptiker wächst.

    Die Gender Studies werden definitiv einen schweren Stand haben. Es gibt wissenschaftstheoretisch einfach zuviele Probleme.

    Eines davon hast du schon erwähnt. Die Verflechtung von Wissenschaft und Politik. Wissenschaft sollte wenn immer möglich politisch unbeinflusst sein (Natürlich ist das ein Ideal). Dieser Tatbestand ist klar nicht gegeben. Es ist ein ideologisches Minenfeld. Der Vergleich mit dem Kommunismus, oder auch mit der Rassenlehre von früher drängt sich auf. Solche Fächer konnte man vor nicht allzulanger Zeit an Universitäten regulär studieren (und das nicht nur in Deutschland). Bis irgendwann die ideologischen Züge dieser Richtungen als solche erkannt wurden. Dieses Schicksal steht auch den Gender Studies bevor, sollte sich nichts grundsätzliches ändern.

    Ein weiteres, enorm wichtiges Kriterium für Wissenschaftlichkeit ist, dass Evidenz für oder gegen eine Theorie nicht einfach ausgeblendet werden darf, um diese zu schützen. Gender Studies tun dies in einer solch penetranten Art, dass es einen kritischen, akademischen Geist schmerzt. Tatsachen bspw. über frühkindliche/vorgeburtliche Biologie/Psychologie werden schlicht und einfach ausgeblendet. Generell, alle (naturwissenschaftlich erhärteten) Fakten/Theorien, die der Ideologie schaden könnte werden „übersehen“. Genetik, Endokrinologie, Evolution, Verhaltensbiologie, Neurowissenschaften, usw – alles wird da angegriffen von den GS.

    Als weiterer Kritikpunkt kann man die neueren, geisteswissenschaftlichen Richtungen überhaupt (die haben Namen wie Postmoderne, Dekonstruktivismus, Poststrukturalismus usw.) nennen. Gender Studies basieren auf solchen Überlegungen. Siehe dazu, die Sokal (oder Sokol ?) Affäre. Ein Physiker hat hier schön aufgezeigt, dass man in solchen „Fächern“ alles schreiben kann was man nur irgendwie möchte . Man kann den grössten Mist, inhaltlich komplette falsche Texte verfassen – man muss sie nur in einer schönfärberischen Sprache niederschreiben, und zudem über einen akademischen Grad verfügen – dann geht alles. Es wird von der Community akzeptiert, auch wenn es inhaltlich total falsch ist. Es gibt keine Möglichkeit einer objektiven Qualitätskontrolle. Es ist wirklich eine grosse Unmode im Gange zur Zeit an den hiesigen Akademien. Es gilt hier sehr kritisch zu sein.

    Als weiters Kriterium für Wissenschaftlichkeit gilt die innere Widerspruchsfreiheit – Theorien sollten in ihrem inneren nicht widersprüchliche Aussagen enthalten. Du findest dazu eine nicht allzu alte Untersuchung im Netz, eine Doktorarbeit einer schwedischen Feministin – die sich selbstkritisch eingestand, einer Ideologie aufgessen zu sein. Sie fand heraus, dass neuere feministische Theorien (unter ihnen Butler, auf die sich die Gender Studies unter anderem berufen). Sie konnte klar zeigen ,dass diese „Theorien“ von ihrem Wesen her Ideologien sind, und keine Wissenschaft.

    Weitere Punkte findest du unter den Stichworten Positivismusstreit/Werturteilsstreit. Meiner Meinung nach sollte sich die Wissenschaft der Frage widmen, wie die Dinge sind – nicht wie es manche gerne hätten. Aber darüber wird schon seit langem gestritten. Bilde dir deine eigene Meinung darüber. Meine Meinung ist, dass der empirische Ansatz der Naturwissenschaften den neueren, postmodernen Ansätzen der Gender Studies in Geschlechterfragen bei weitem überlegen ist, was die Qualität der Aussagen (im Sinne einer Wissenschaftlichkeit) betrifft. Es ist halt die Natur selbst, die die Fragen beantwortet, wenn man sie ihr richtig stellt (Damit meine ich das Experiment:-) Zum Verhältnis von Natur zu Kultur gibts wiederum ein Universum an Literatur. Die Meinung der Biologie dazu ist relativ klar: Jedes Merkmal des Menschen ist durch eine Mischung aus Natur (Gene) und Umwelt (Erziehung, Kultur) entstanden.

    Daher mein Fazit zu den Gender Studies: ihr wird das gleiche Schicksal blühen wie einst oben genannten Ideologien. Das lustige ist, dass Exponenten der Gender Studies die Biologie als unwissenschaftlich angegriffen haben. Hallo? Gehts noch gut? Denen kann ich nur sagen: Die Evolutionstheorie wirds in 500 Jahren noch geben (Es müsste der liebe Gott schon persönlich erscheinen und uns zeigen wie er den Menschen erschaffen hat um die Theorie zu widerlegen – sie ist einfach zu gut empirisch abgestützt). Eben genau darum, weil naturwissenschaftliche Theorien („Kopfgebilde“) an realen Beobachtungen geprüft werden müssen, um anerkannt zu werden – ein weiteres Kriterium, dass die Gender Studies umgehen. Die Gender Studies wird es schon in 30 Jahren nicht mehr in dieser Form geben. Es ist auch gut so, wir sollten mit unseren Steuergeldern Forscher unterstützen, die auch wirklich Wissenschaft machen – von denen gibts genug, und die Gelder sind auch dort knapp.

  19. nur ganz kurz, später mehr: auch die Physik ist vor Menschen, die unwissenschaftlich arbeiten, nicht gefeit, siehe den Fall von Jan Hendrik Schön
    z.B. hier: http://www.zeit.de/2002/41/rauner_412002_xml?page=all

  20. John McGarlick

    Ja das ist aber etwas fundamental anderes. Das Beispiel zeigt eben sehr gut, wie die Naturwissenschaft funktioniert. Wenn jemand falsche Theorien formuliert, oder bewusst Daten fälscht , dann gibt es die Möglichkeit, das aufzudecken. In der Biologie beispielsweise funktioniert das sehr schnell. Wenn du eine neue Publikation lancierst, die etwas wirklich wichtiges beinhaltet, dann kannst du dir sicher sein, dass innnert kürzester Zeit verschiedene Gruppen irgendwo auf dem Globus deine Resultate nachvollziehen werden. Wenn es dann Ungereimtheiten gibt, hast du ein Problem.

    Es geht also nicht darum, was einzelne Personen tun. Es geht um die Institution Wissenschaft. Es braucht institutionalisierte Mechanismen, um falsche Aussagen auch als solche zu identifizieren.

    Genau so etwas fehlt eben den Kultur“wissenschaften“. Es gibt keine Möglichkeiten, auch zT grobe Fehlaussagen als solche zu identifizieren. Wie gesagt, dazu Sokal-Affäre. Das ganze hatte weitreichende Konsequenzen, die bis heute anhalten und diskutiert werden. Stichwort dazu, Science Wars. Oder Sokals Buch, „Eleganter Unsinn“, oder Nachfolgeliteratur. Ich will nicht bestreiten, dass es auch in den Gender Studies grundsätzlich fähige Leute gibt. Das Problem liegt aber an der Institution. Du kannst das wirklich qualitativ hochstehende neben den grössten Müll stellen, und hast keine wirklich objektive Möglichkeit, diese als solche auch zu identifizieren. Es feht an einer grundsätzlichen Qualitätskontrolle. Beispiel Butler: ein riesen Schwachsinn, hoch ideologisch, Paradebeispiel für „eleganten Unsinn“, hat aber nicht das geringste mit Wissenschaft zu tun. Wird aber trotzdem quasi zu den Grundlagen der Gender Studies hinzugerechnet. Mit solchen Sachen disqualifiziert man sich als Wissenschaft.

  21. Jonas

    @ John McGarlick

    „Ein weiteres, enorm wichtiges Kriterium für Wissenschaftlichkeit ist, dass Evidenz für oder gegen eine Theorie nicht einfach ausgeblendet werden darf, um diese zu schützen. Gender Studies tun dies in einer solch penetranten Art, dass es einen kritischen, akademischen Geist schmerzt. Tatsachen bspw. über frühkindliche/vorgeburtliche Biologie/Psychologie werden schlicht und einfach ausgeblendet. Generell, alle (naturwissenschaftlich erhärteten) Fakten/Theorien, die der Ideologie schaden könnte werden “übersehen”. Genetik, Endokrinologie, Evolution, Verhaltensbiologie, Neurowissenschaften, usw – alles wird da angegriffen von den GS.“

    Kannst Du das belegen (reicht ja eine Literaturangabe oder ein Link)? Und es wäre doch zumindest etwas vorsichtiger und vernünftiger, nicht gleich die ganze wissenschaftliche Strömung über einen Kamm zu ziehen?

    Von Dir angesprochen wurde die Sokal-Affäre (nach dem Physiker Alan Sokal). Er hat gezeigt, dass ein Artikel von einer wissenschaftlichen Zeitschrift (Social Text) abgedruckt wird, auch wenn er inhaltlich nichts hergibt, solange er in einem postmodernen Duktus geschrieben wird. Meines Wissens geht das auch mit naturwissenschaftlichen Texten (Zigaretten sind nicht gesundheitsschädlich, Atomkraft ist sicher). Es ist dem Wissenschaftsbetrieb eigen, dass viel Unsinn geschrieben und nicht wenig Unsinn veröffentlicht wird. Erst durch die Kritik und die Falsifikation kann der wissenschaftliche Diskurs vorangetrieben werden. Wenn einfach blind abgedruckt wird, wie dies Social Text gemacht hat, ist das natürlich ziemlich bescheuert. Aber reicht das, um die gesamten Gender Studies für nichtig zu erklären? Lustig ist übrigens, dass Sokal sein Experiment aus politischen Motiven durchgeführt hat 🙂 .

    „Du findest dazu eine nicht allzu alte Untersuchung im Netz, eine Doktorarbeit einer schwedischen Feministin – die sich selbstkritisch eingestand, einer Ideologie aufgessen zu sein.“

    Das ist die Arbeit: „“Only Women Bleed?: A Critical Reassessment of Comprehensive Feminist Social Theory“ von Helen Lindberg, 2009 herausgegeben. Kannst Du ihre wichtigsten Gedankengänge zusammenfassen? Oder muss ich jetzt diese Arbeit zuerst lesen, bevor ich Dir etwas erwidern kann? Ich könnte ja auch behaupten, wenn man Marxens Gesamtwerk liest, komme schlussendlich dabei heraus, dass Schwedinnen immer lügen.

    „Meine Meinung ist, dass der empirische Ansatz der Naturwissenschaften den neueren, postmodernen Ansätzen der Gender Studies in Geschlechterfragen bei weitem überlegen ist, was die Qualität der Aussagen (im Sinne einer Wissenschaftlichkeit) betrifft.“

    Auf welche Untersuchungen mit empirisch naturwissenschaftlichem Ansatz sprichst Du an, welche die Gesellschaft bezüglich Gender untersucht hätten?

    „Die Meinung der Biologie dazu ist relativ klar: Jedes Merkmal des Menschen ist durch eine Mischung aus Natur (Gene) und Umwelt (Erziehung, Kultur) entstanden.“

    Ich habe mich jetzt dank Protostomia mit Verhaltensbiologie zu befassen begonnen. Und ich bin dabei eher zur Einsicht gekommen, dass die Biologie genau zu diesem Themenkomplex noch keine klaren Antworten hat. Das spricht nicht gegen die Biologie im Allgemeinen, sondern zeigt einfach, dass die Forschung noch nicht so weit ist diesbezüglich.

    Fazit: Könntest Du etwas weniger Meinung von Dir bringen, und dafür etwas mehr begründete Argumente!?

    • John McGarlick

      @Jonas, nur ganz kurz zu einigen Punkten – demnächst folgt eine ausführlichere Antwort.

      Als erstes fällt mir auf, dass du meinen Hauptvorwurf (Gender Studies sind eine Ideologie, keine Wissenschaft) völlig übergangen bist, und nicht mal einen Versuch gestartet hast, diesen Vorwurf zu entkräften – das sagt mir schon einiges.

      Du denkst es sind zu viele Meinungen und zu wenig Argumente in meinen zwei Texten. Das sehe ich anders. Du findest sehr wohl die entsprechenden Argumente für meinen Vorwurf, wenn du sie überhaupt sehen willst und die Literaturvorschläge auch weiterverfolgst. Resp, deren Gedankengänge.

      Ok, dein Vorwurf, dass Literaturangaben fehlen, lasse ich mal gelten. Ich suche natürlich nicht für jede Aussage in diesem Blog nach Papers, mit der meine Aussage belegen kann. Ich beziehe mich v.a. auf Grundlagenliteratur (des Verständnis dieser reicht aus) , wie den Campbell Biology, oder ein Einführungsbuch über die Gender Studies (auf Google Books, eines der ersten Einträge). Villeicht müsste ich mal deinen Hintergrund wissen, um dich ausreichend mit Literatur versorgen zu können. Ich gehe mal davon aus dass du kein Naturwissenschaftler bist. Bist du Soziologe?

      Wie gesagt nur kurz – Zigaretten sind unschädlich – Atomkraft auch usw. Bei Solchen Aussagen besteht grundsätzlich die MÖGLICHKEIT, sie zu prüfen. Um das geht es. Du kannst klinische oder epidemiologische Studien ansetzen und solche Fragen, in einer angemessenen Objektivität zu prüfen.

      Wieso ich die ganze Richtung über den Kamm schere? Weil schon die Grundannahmen falsch sind. Im oben erwähnten Buch ist (wie in allen Büchern dieser Art) bspw. erwähnt (und das sind jetzt wirklich nur zwei kurz ausgesuchte Beispiele, bei Bedarf kann ich hier noch viele weitere nennen), dass: a) Geschlecht eine metrisch skalierte Variabel ist, also ein durchgehendes Spektrum und b): dass es keine oder zu Vernachlässigende Unterschiede in den seelischen Anlagen eines Neugeborenen gibt. Dass nur die Erziehung/Kultur eine Rolle spielt, um den Faktor „typisch weiblich“ oder so zu erhalten. Die Gene, die Hormone, das Gehirn, usw wird hier komplett, sträflich ausgeblendet. Solche Aussagen sind gegen das Wissen der Biologie und Medizin, weswegen die Biologie als unwissenschaftlich angegriffen wird.

      Hier kann man nicht mal einen Artikel als Quelle angeben, es ist so grundsätzlich falsch – ich meine lies ein Biologie-Buch dann wird es klar!

      „Ich habe mich jetzt dank Protostomia mit Verhaltensbiologie zu befassen begonnen. Und ich bin dabei eher zur Einsicht gekommen, dass die Biologie genau zu diesem Themenkomplex noch keine klaren Antworten hat. Das spricht nicht gegen die Biologie im Allgemeinen, sondern zeigt einfach, dass die Forschung noch nicht so weit ist diesbezüglich.“

      Das sehe ich anderst, zumindest hab ich es anderst gelernt. In der Genetik kann man (oh Gott ich müsste selber nachschauen wie sie heissen) Werte berechnen, auf Grundlage von Zwillings/Adoptionsstudien (Heritabilität, oder so) Im Prinzip wird Kultur/Natur wie auf einem Spektrum angeordnet, dann kriegt jedes Merkmal einen Wert irgendwo dazwischen – so hab ich zumindest in meinem Studium gelernt (Bio), und meines Wissens nach steht dass auch so im Campbel. Ich glaube schon, dass jeder Biologe die Aussage unterschreiben würde (müsste!), dass jedes Mermal des Menschen eine Mischung aus Natur/Kultur ist (Natürlich kann der Regler auch bei 99.9% Nurture stehen, oder umg.)

      Zu Sokol: wenn ich mich recht erinnere war dieser Joke nicht politisch motiviert (auch wenn sich Sokol zur politischen Linken bekennt) – Die Motivation war eher seine (meiner Meinung nach korrekte) Meinung, dass solche postmodernen Leute die Wissenschaft missbrauchen.

      Den Rest werde ich später beantworten. Es ist schon jetzt länger als geplant..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s