Hegemanns gestohlener Bestseller „Axolotl Roadkill“: plagieren oder kopieren und transformieren?

Mit „Total gedankenlos und egoistisch“ übertitel die ZEIT online heute treffend einen Artikel über das deutsche Literatur-Wunderkind Helene Hegemann (der Titel als ein Zitat Hegemanns kenntlich gemacht). Denn auf dem Blog „Die Gefühlskonserve„* wurde enthüllt, dass die gefeierte Jungautorin in einem Blog bzw. Buch eines Bloggers zahlreiche Passagen abgeschrieben hat. Die 17-jährige „Autorin“ erzählt in einer Stelleungsnahme allerlei:

„Das sind diese Plagiatsvorwürfe – also wie das juristisch ist, weiß ich leider nicht so genau. Inhaltlich finde ich mein Verhalten und meine Arbeitsweise aber total legitim und mache mir keinen Vorwurf. (…) Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit. (..) Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir (dieser Satz ist übrigens von Sophie Rois geklaut) – ich habe eine Sprache antrainiert gekriegt als Kind und trainiere mir jetzt immer noch Sachen und Versatzstücke an, aber mit einer größeren Stilsicherheit. Das sind Formulierungen und Weltanschauungen und auch einfach bestimmte Floskeln, die mich prägen und weiterbringen in dem, was ich äußern und vermitteln will, und da beraube ich total schonungslos meine Freunde, Filmemacher, andere Autoren und auch mich selbst. Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation. (…) Airen, von dem ich insgesamt eine Seite, ohne sie groß verändern zu müssen, regelrecht abgeschrieben habe, ist ein großartiger Schriftsteller, dessen Blog im Internet einen Teil der alternativen Lebensweise, über die ich berichten wollte, auf den Punkt gebracht hat, und mit dem ich über das Buch auch ein Stück weit versuche, in Kommunikation zu treten. (…)“

Mir ist nicht so richtg klar, ob sie wirklich kein Unrechtsbewusstsein hat, oder aber ob ihr geraten wurde, so zu tun als ob. Noch weniger weiss ich, was ich schlimmer finden sollte. Natürlich sind wir, jeder einzelne, die Summer der Einflüsse unserer Umwelt. Und natürlich können wir nur neu zusammen setzen, was wir irgendwo schon mitbekommen bekommen. Ihr Argument, wir lebten in einer Zeit, in der kopieren normal geworden ist, kann ich aber nicht unterschreiben. In wohl kaum einer anderen Zeit diskutierten so viele Menschen über das (illegale) kopieren wie heute. Und vielleicht kann man darüber streiten, ob es ok ist, Musik aus dem Internet zu laden, ohne dafür zu bezahlen. Aber Musik gratis runterladen und dann verkaufen?

Geld zu verdienen, indem man das durch andere Zusammengesetzte für die eigene Leistung ausgibt, ist und bleibt falsch. Das darf, finde ich, nicht verhandelt werden. Würde sie einen Picasso nehmen und mit zwei Strichen ergänzt als ihr eigenes Werk verkaufen wollen, würde sie jeder auslachen. Nur weil der Blogger Airen nicht so berühmt ist wie der gute alte Picasso, macht es ihre Vorgehensweise nicht besser.

*Der Blog ist zurzeit wohl wegen Überlastung nicht erreichbar, aber im Google Cache ist der betreffende Artikel einsehbar.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter bildung, gerechtigkeit, kultur und truur, medien

6 Antworten zu “Hegemanns gestohlener Bestseller „Axolotl Roadkill“: plagieren oder kopieren und transformieren?

  1. Der Vergleich mit Picasso gefällt mir :-). Ich sehe es wie du, und ich nehme ihr nicht ab, dass sie nicht weiss, dass sie Unrecht getan hat.

  2. Mimikry

    Gerade Picasso selbst hat sich auch sehr ausgiebig von anderen Künstlern „inspirieren lassen“.

    Es gab dazu eine Ausstellung: http://www.rmn.fr/Picasso-et-les-maitres

    und ein Buch: http://www.decitre.fr/gi/18/9782070359318FS.gif

    Und die Bildersuche bei Google nach „Picasso et les maitres“ zeigt einige Beispiele – Was würde das heutige Feuilleton wohl dazu schreiben: Picasso hat seine Bilder bloss abgemalt…?
    (die „Bildidee“ jedenfalls, die hat er ganz offensichtlich manchmal von einem berühmten Vorgänger „geklaut“…)

  3. Jonas

    Dein Vergleich mit Picasso funktioniert nicht ganz. Wenn jemand einen (echten!) Picasso nimmt und ihn mit zwei Pinselstrichen ergänzt, entstünde tatsächlich ein neues Werk 🙂 Détournement für sehr reiche Leute, sozusagen.
    Ich finde ihren Bezug zum Downloaden und Kopieren lustig; als ob jemand einen Film zum illegalen Download zur Verfügung stellt und dabei behauptet, er oder sie hätte den Film auch gleich selbst produziert.
    Aber von einem Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist auch nicht viel Schlaues zu erwarten (seht sie euch doch mal an, die Nullerjahre: Irakkrieg, Stefan Raab, Islamismus, Islamophobie, Deutschlandsuchtdensuperstargermanysnexttopmodelbigbrother, Hartz IV etc.), dann noch geschrieben von einer Siebzehnjährigen (schaut sie euch doch mal an die Siebzehnjährigen).
    Ich möchte zum Schluss noch einen Satz zitieren, den ich vor zwei Jahren höchst selbst erfunden habe: Es ist was faul im Staate Dänemark.

  4. Jonas

    Hier noch ein Zitat (!) aus der Onlineausgabe des deutschen Verbraucherschutz-Magazins Titanic zu diesem Fall:
    „Wunderautorin Hegemann entzaubert

    Literatur-Wundergöre Helene Hegemann (17) gesteht, für ihren Roman „Axolotl Roadkill“ plagiiert zu haben! Und sie hat nicht nur komplette Passagen von einem Berliner Underground-Autor kopiert, sondern auch tausende Wörter aus dem Duden geraubt und wild zusammengemixt! Hegemann: „Originalität gibt’s sowieso nicht – ich beraube schonungslos.“ Das stimmt: Ihr Alter ist einem Liedtext von Udo Jürgens „entliehen“, der Vorname Helene stammt von einer fruchtigen Birnen-Nachspeise. Nun will sie den Berliner Autor entschädigen; da der Copy-Shop, in dem Hegemann aushilfsweise jobbt, heute aber zu hat, kann sie ihm das Geld erst morgen geben.“

  5. Die Wörter, die aus dem Duden sind, hat der Herr Duden vielleicht höchstpersönlich gesammelt, ganz klar aber nicht erschaffen. Dass er sich bei der Anordnung ans nicht von ihm erfundene Alphabet hält, gibt er klar zu; und jeder, der einen Duden schon mal benutzt hat, wird das auch mehr oder weniger sofort merken (auch wenn der Erschaffer des Alphabets nicht verdankt wird, das stimmt).

    Die Wörter, die Hegemann in fremden Blogs gesammelt hat, hatte sich aber Airen (unter anderen???) selber ausgedacht, natürlich nicht alle davon, aber manche, die sie „weiter benutzt“. Wirklich störend ist aber, dass sie die Anordnung der Wörter (was man wohl als den kreativen und urheberrechtlich relevanten Teil des Schreibens werten sollte) übernommen hat, ohne darauf hinzuweisen, dass sie das tut.

    Ob der Vergleich mit Picasso glücklich ist, kann man natürlich hinterfragen. Es gab aber offensichtlich genug Leute, die trotz dem bekannten „abmalen“ die Eigenleistung Picassos als so hoch einstuften, dass sie sich unbedingt einen Picasso ins Wohnzimmer (oder örtliche Museum) hängen wollten 🙂

  6. Mimikry

    🙂 Die (steigende) Anzahl derer, die sich nun den Roman von Hegemann ins Wohnzimmerregal stellen, ändert ja auch nichts am Fakt des „Abschreibens“ 😉

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