Frauenkörper wieder politische Objekte

Ich bin schockiert. So sehr, dass ich den Satz am liebsten nochmals und nochmals aufschreiben möchte. Im November letzten Jahres hatte ich mich über das Feilschen über die Abtreibungen in den USA aufgeregt, schliesslich wurden Abtreibungen aus der health care reform bill raus geschmissen. Und das in einem Land, in dem an den Schulen Aufklärung vielerorts nicht über den Aufruf zur sexuellen Abstinenz hinausgeht.

Was mir damals eine total verrückte Ami-Verschrobenheit zu sein schien, ist nun das Ziel einer Initiative von SVP, CVP, EDU und EVP: Abtreibungen sollen künftig nicht mehr von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlt werden, und das ist nur der Anfang.

«Abtreibungen sind keine Krankheit», sagte SVP-Nationalrat Peter Föhn (Schwyz) am Dienstag vor den Medien. Deshalb sollten Abtreibungs-Kosten aus dem Leistungskatalog der obligatorischen Krankenversicherung gestrichen werden. In einem nächsten Schritt seien auch Geschlechtsumwandlungen oder unnötige Kaiserschnitte aus der Grundversicherung zu verbannen. (siehe NZZ)

Ich dachte, das „mein Bauch gehört mir“-Thema sei abgehakt; ist es aber offensichtlich nicht. Der Frauenkörper feiert ein comeback als politisches Objekt. Unter dem dem Titel „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache“ sollen nun bis am 26. Juli 2011 die nötigen 100’000 Unterschriften gesammelt werden, damit über die folgende Ergänzung der Bundesverfassung abgestimmt werden kann: «Unter Vorbehalt von seltenen Ausnahmen seitens der Mutter sind Schwangerschaftsabbruch und Mehrlingsreduktion im Obligatorium nicht eingeschlossen.»

In den letzten Wochen, nachdem nun Diskriminierung aufgrund von Religionszugehörigkeit wieder in der Schweizer Verfassung verankert ist, hatte ich mich gefragt, wann wohl die Frauen dran sein werden. Seltsam irgendwie, dass es mich jetzt, wo es so weit ist, so schockiert.

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9 Kommentare

Eingeordnet unter bildung, gender, gerechtigkeit, Minarett, politik, sex

9 Antworten zu “Frauenkörper wieder politische Objekte

  1. sara

    zum KOTZEN ist das…

  2. ich glaub, ich mach mich jetzt gleich unbeliebt, aber wo ist genau das problem, dass die abtreibung nicht von der grundversicherung bezahlt wird?
    schwangerschaftsabbrüche auf grund einer vergewaltigung und bei lebensgefahr der mutter werden weiterhin bezahlt.
    das heisst für mich also, es werden bei all jenen die abbrüche nicht bezahlt, die auf grund fehlender verhütung aus welchen gründen auch immer schwanger wurden.

    damit habe ich ehrlich gesagt kein problem. ich bin der meinung, wer nicht schwanger werden will, hat genug möglichkeiten, dies zu verhindern.

    und ich möchte betonen, ich bin nicht gegen den abbruch als solches, nur dagegen, dass man nach lust und laune rum.pop.pen kann ohne sich gedanken über verhütung zu machen, weil im hinterkopf immer der gedanke ist, dass man im notfall ja abtreiben kann.

  3. die vom zwischenbericht

    müsste man, frau pipstrella, die pille danach demnach auch verbieten?

  4. ich habe nichts von verbieten gesagt. nur, dass es nicht mit der obligatorischen kk gezahlt wird. d.h. wer will, kanns haben, aber soll entweder selber dafür bezahlen oder eine entsprechende zusatzversicherung abschliessen.

  5. mich würde aber interessieren, was die argumente für eine bezahlung aus der obligatorischen kk sind?
    (und nochmals, es geht nicht um schwangerschaften aus vergewaltigungen oder schwangerschaften, die das leben der mutter bedrohen)

  6. @pipistrella, gemäss der geplanten Initiative hängt eine ungewollte Schwangerschaft, die abgetrieben werden will oder muss, allein an der Frau. Wenn Abtreibungen nicht in der Grundversicherung inbegriffen ist, wird die Frau für die Kosten aufkommen müssen. Dies widerspricht meiner persönlichen Vorstellung, dass sowohl Mann und Frau für den Geschlechtsakt verantwortlich sind und dafür, was daraus entsteht. Der Mann ist sozusagen aus dem Schneider. Natürlich habe ich eigentlich keine Lust, für unverantwortliches Verhalten von anderen Leuten (z.B. die Unfähigkeit, zu verhüten) zu zahlen. Nur darf man dabei nicht vergessen: unsere heutigen Verhütungsmittel sind nicht zu 100% sicher. Es bleibt immer ein Risiko, es gibt ja auch Pillenkinder oder Schwangerschaften bei sterilisierten Frauen. Und es ist zu erwähnen, dass die KK zum folgendermassen funktioniert: alle bezahlen KK-Prämien, um manche Unverantwortlichkeit der Versicherten auszubaden, siehe Alkohol-, Drogen-, Nikotinkonsum, Bewegungsarmut, schlechte Sitzhaltung 8 Stunden lang vor dem Compi, danach vor dem Fernsehen, psychischer Druck unserer Leistungsgesellschaft, Fehlernährung und die daraus entstehenden, z. T. schwerwiegenden Folgen. Die Schuldfrage resp Verantwortlichkeitsfrage ist deshalb meiner Meinung nach fehl am Platz. Wir sind ja auch froh, wenn die KK z.B. für uns bezahlt, wenn wir auf dem Eis ausrutschen und uns das Bein brechen, nur weil wir zu blöd waren, auf den Boden zu gucken.

  7. Zunächst: merci für die Kommentare, solange sie (einigermassen) anschlussfähig sind, macht man sich bei mir nicht unbeliebt damit 🙂

    Inzwischen wurde viel gesagt, hier noch ein paar Anmerkungen von mir:
    Grundsätzlich kann ich mir nicht vorstellen, dass Frauen mit dem Hintergedanken schlampig verhüten, dass man im Notfall ja abtreiben kann. Eine Abtreibung ist für keine Frau eine bequemere Lösung als ein Pariser. Dass Männer sich für „Notfälle“ eine Abtreibung vorstellen können, scheint mir hingegen plausibler (ist ja auch nicht ihr Körper), ausbaden muss eine ungewollte Schwangerschaft aber immer in erster Linie die Frau, geht es nach den Initianten, dann auch finanziell. Wie auch immer: ich bin grundsätzlich gleicher Meinung wie Zeline, dass wir genau für die „Notfälle“, die einen Abbruch erforderlich machen, die Versicherung haben.

    Ausserdem könnte man mit dem Argument, man (oder eben: Frau) hätte ja verhüten können, genau so gut verlangen, dass die Kosten für eine Geburt aus dem Leistungskatalog gestrichen werden. Die Leute sollen gefälligst verhüten und wenn sie sich für ein Kind entscheiden, sollen sie auch dafür bezahlen. Ist ja keine Krankheit, ein Kind zu bekommen, oder?

    Das klingt vielleicht absurd, zeigt aber, dass es nicht um Kosten geht, sondern um eine Wertung. Und bei den Wertungen wird es schwierig. Soll die KK auch für die medizinische Versorgung von Kindern mit Trisonomie21 bezahlen müssen, die man hätte abtreiben können? Soll die KK unheimlich teure Behandlungen von Krebskranken bezahlen, nur um deren Leben um wenige Wochen oder Monate zu verlängern? Wird bei jedem HIV-positiven Menschen zuerst die „Schuldfrage“ geklärt, bevor die KK zahlt? Weitere Beispiele hat ja schon Zeline aufgeführt…

    Vielleicht müssen wir uns den Wertungsfragen tatsächlich stellen, wenn wir nicht bereit sind, die Kosten für die volle Ausschöpfung der medizinischen Möglichkeiten in jedem Fall zu tragen. Die Initiative aber fördert nicht eine grundsätzliche Diskussion, sondern zielt gegen eine Gruppe, die keine stake Lobby im Rücken hat und sehr verletzlich ist: Frauen in „Notfallsituationen“. Und das finde ich asozial und widerwärtig.

  8. vielen dank für die rückmeldungen zu meinem votum. und ich sehe, dass man es durchaus differenzierter ansehen kann.
    die finanzierung sowohl von mann und frau ist ein interessanter aspekt. wir lösen im moment also ein gesellschaftliches problem, bei welchem sich frauen gegenüber den männern nicht durchsetzen können, in dem wir alle solidarisch mitzahlen.

    ich versteh den punkt von „notfallsituationen“, weil die handelsüblichen verhütungsmittel versagt haben, ich habe aber auch sehr nah bei meiner tochter mitgekriegt, wie sorglos die pille mal regelmässiger und mal unregelmässiger genommen wurde, wie sorglos die verhütung generell angegangen wurde.

    ich war früher kein kind der traurigkeit und habe mir oft genug gedanken gemacht, was geschehen könnte, wenn ich jetzt unverhofft schwanger würde, weil die pille versagt. und für mich war immer klar, dass dies MEIN problem wäre und ich es entsprechend lösen/finanzieren müsste, allenfalls mit hilfe des entsprechenden mannes. und das sah ich eben auch als MEIN problem an, ihm das dann allenfalls beizubringen, dass er mitverantwortlich sei.

    ich bin auch für solidarität und dafür, dass viele wenige unterstützen, aber irgendwie fehlt mir je länger je mehr die verantwortung der einzelnen gegenüber sich selber, ihrem leben und auch gegenüber der gesellschaft.
    vielleicht werde ich ganz einfach langsam alt und stier 😉

  9. aber gespart wird ja nichts damit, wenn die frauen anstatt abzutreiben die kinder austragen – wenn du selber eine tochter hast, weisst du ja, wie teuer eine geburt ist… und dass nicht abgetrieben wird, ist ja nach aussagen von föhn klar das ziel. (Vgl. NZZ: Jährlich gebe es mehr als 10’000 Abtreibungen in der Schweiz. «Das sind 10’000 zu viel», sagte Föhn.) vielleicht ist ja aber auch die selbstfinanzierung von geburten wirklich auch als nächster schritt geplant.

    das ganze problem von ungewollten schwangerschaften ist meiner ansicht nach ein gesellschaftliches: in meiner idealen welt würde keine frau abtreiben wollen. aber so wie unsere gesellschaft funktioniert – oder es eben nicht tut – gibt es immer wieder situationen, in denen frauen die verantwortung für ein kind nicht übernehmen können (von den männern reden wir erst gar nicht). wenn wir es nicht schaffen, dass die welt so funktioniert, dass jede frau sich über eine schwangerschaft freuen kann, dann müssen wir auch als gesellschaft die konsequenzen tragen. und ich finde: auch die finanziellen (die ja für einen schwangerschaftsabbruch nicht so unheimlich hoch sind).

    Schade (oder entlarvend?), dass sich föhn & co. nicht lieber dafür einsetzen, dass man ausbildungen/berufstätigkeit mit einer schwangerschaft bzw. einem kind vereinbaren kann, dass kinder an den schulen so aufgeklärt werden, dass sie nicht aus versehen schwanger werden, dass…

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