Die Burka und reale Probleme von Frauen in der Schweiz

Da in etwa drei Wochen die halbe Schweiz mit einem Kreuz (einem christlichen Machtsymbol!) auf dem Abstimmungszettel darüber entscheiden wird, ob hierzulande in Zukunft Minarette gebaut werden dürfen oder eben nicht, muss rechtzeitig das nächste medienwirksame Thema her. Sonst könnte ja der Funke Kulturkampf, der mit der Minarette-Inititiative entfacht wurde, gleich wieder erlöschen. Und die Politik müsste sich realen Problemen zuwenden.

Um das zu vermeiden, hat nun Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ein neues Thema in einem Interview mit dem Thurgauer Lokalfernsehen Tele D lanciert: die Burka. Und die Medien nehmen das dankbar an (z.B. Blick, Tagi und NZZ).

Minarette wie auch Burkas sind allerdings keine wirklichen Probleme – zumindest nicht in der Schweiz. Hier sind sie klar eine Randerscheinung (4 Minarette schweizweit, kaum mit Bukas bekleidete Frauen, ausser hin und wieder reichen Touristinnen aus den Emiraten). Deshalb eignen sie sich aber hervorragend für massenmediale pseudo-politische Diskurse; nur sehr wenige Menschen sind tatsächlich betroffen, aber jeder hat eine Meinung dazu, die mangels Wissen und Erfahrungen aus Vorurteilen zusammengebastelt werden kann. „Lösungen“ für diese „Probleme“ haben dann auch (vermeintlich?) nur auf relativ wenige Menschen Einfluss.

„Für sie (Widmer-Schlumpf) als Frau biete das Kleidungsstück einen «diskriminierenden Anblick»“ zitiert die NZZ die Justizministerin. Was genau ein diskriminierender Anblick sein soll, bleibt schleierhaft. Viel mehr interessieren würde mich aber so oder so, was Widmer-Schlumpf wohl empfindet, wenn sie einen Blick auf Statistiken wirft, die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern dokumentieren.

Wahrscheinlich guckt sie da aber lieber weg und stellt sich stattdessen eine burkatragende Frau vor. Das ist auch viel einfacher, als sich mit realen Problemen vieler Frauen in der Schweiz politisch auseinander zu setzen. Denn reale Probleme sind komplex und fordern reale Lösungen, die der Komplexität der Probleme gerecht werden. Und die Lösungen betreffen viele Menschen (Lohngleichheit würde z.B. dazu führen, dass viele Männer plötzlich relativ zu den Frauen weniger verdienen würden).

So oder so: dass man Frauen, die eine Burka tragen (müssen), durch ein Verbot zur Emanzipation verhelfen könnte, ist und bleibt eine total bescheuerte Idee. Die Frauen, die Burkas wirklich tragen wollen oder müssen, werden durch ein Verbot bloss ganz aus dem öffentlichen Raum gedrängt. Das kann nicht das Ziel von Menschen sein, die sich wirklich für Frauenrechte einsetzen.

p.s. Und ja, auf den Stimmzettel werden wir keine Kreuze malen, sondern nein schreiben, aber die Idee mit dem christlichen Machtsymbol hat mir zu gut gefallen.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter öffentlicher raum, gender, medien, politik

2 Antworten zu “Die Burka und reale Probleme von Frauen in der Schweiz

  1. Carmela Chetouane

    Ich denke auch, dass ein Verbot der Burka eher eine weitere Verkomplizierung der Lage vieler Frauen bedeuten würde, die dieses Kleidungsstück aus religiösen Gründen tragen. Ich dachte es herrsche hier in der Schweiz Glaubensfreiheit. Aber um von wirklichen Gesellschaftspolitischen Problemen abzulenken, verletzt man lieber ethische Rechte, und dies wenn möglich medienwirksam.
    Es ist schade, dass die allgemeine Schweizerische Politik z.Zt. auf so tiefem Niveau agiert. Die Vorbildfunktion eines humanitären Landes gerät so immer mehr ins Wanken.

  2. Der Umgang mit dem Islam in Zeiten der Minarett-Initiative ist ein schönes Beispiel für Projektion: was man bei sich selbst nicht sehen will, sieht man bei anderen. Z.B. die mangelnde Chancengleichheit für Frauen in der Schweiz resp. die Unterdrückung. Diese mag in islamischen Ländern allemal ausgeprägter sein als in der Schweiz. Aber auch hier stösst frau an einige Grenzen, will sie beruflich durchstarten und doch nicht auf Familie verzichten.

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