Radiosymposium, der Vormittag

Das Radiosymposium ist tatsächlich eine rundum gediegene Veranstaltung. Das World-Trade-Centrum ist ein würdiger Ort, der Service ist toll, die Zwischenverpflegungen und das Mittagessen durchaus lobenswert, auch wenn der Kaffee unter jeder Sau ist. Draussen ist es warm genug, um in raucherfreundlicher Atmosphäre den Vormittag Revue passieren zu lassen.

Begrüsst hat uns Walter Rüegg, sehr freundlich und eloquent, er hat bedauert, dass durch die Krise viele Vermögen und Arbeitplätze verloren gegangen sind, selbstverständlich in dieser Reihenfolge. Er beklagt auch, dass die Branche qualitativ nicht auf dem Standard ist, auf dem sie sein sollte, nicht ohne nochmals zu betonen, dass es sich um ein Problem der Branche und sicher nicht des Unternehmens SRG SSR ideé suisse handelt.

Das erste Referat hält Wolfgang Storz, der seit über zwanzig Jahren als Wirtschaftsjournalist arbeitet und in den letzten Jahren „mit einem drittel Bein“ im akademischen Betrieb steht. Er zeigt in erster Linie auf, dass der Wirtschaftsjournalismus die politische Ökonomie vernachlässigt hat, belegt seine Thesen wie es sich gehört mit Fallbeispielen aus einer gross angelegten Studie und Zahlen, die er immer wieder relativiert. Ohne Luhmann zu bemühen zeigt er auf, dass die Politik- und Wirtschaftsredaktionen sehr unterschiedliche Wahrnehmungen der Krise hatten, vor allem zu Beginn, schlicht weil sie unterschiedlich denken und verschieden wahrnehmen.

Kurt Imhofs hehehe will ich nicht noch einmal breittreten, vielleicht nur eine Stelle hervorheben, wo er sich kaum wieder einkriegt vor lauter fiesem Gekicher. Er zeigt auf eine Folie, aus der hervorgeht, dass die Industrie zwar mit rund 20% zum BIP beiträgt (Banken: 10%), in der Berichterstattung aber nur in etwa 3% der Berichte vertreten ist. Hehehe, gluckst er, und gleich noch mal hehehe, nachdem er sich die konsternierten Gesichter des Publikums reinzieht.

Nach der Kaffeepause kommen dann die Wirtschaftsjournalisten zu Wort, zunächst der freie Publizist und Journalist Gian Trepp, der irgendwie nicht das wünschenswerte Niveau von Reflektion erreicht und mir vor allem in Erinnerung bleibt, weil er auf die psychologischen Ursachen der Berufswahl von Absolventen des Wirtschaftsstudiums zu sprechen kommt. Ich wüsste gerne mehr über sein Verhältnis zu seinem Vater und bin überzeugt, dass er einen älteren Bruder hat. Wahrscheinlich keine Schwestern.

Mein Lieblingsredner des Vormittags ist klar Haig Simonian, der zurzeit Auslandkorrespondent der Financial Times in der Schweiz ist. Seit sechs Jahren ist er hier, eine gute Zeit, findet er, um nicht als Neuling zu gelten aber noch nicht dem „going native“ verfallen zu sein. Er erzählt witzig Anekdoten und kritisiert knallhart den Schweizer Journalismus. Wenn er etwa ein, zwei Tage im Ausland sei und die Financial Times nicht lesen könne, gebe es ja noch immer die Möglichkeit in der NZZ nachzulesen, was gestern in der FT stand (und das in einem Layout, dass der Zeit etwa hundert Jahre hinterhergehinkt habe bis vor kurzem). Und am Kindergartenelternabend seiner Tochter hätte man zunächst eine Stunde lang die Traktandenliste diskutiert, was zwar übertrieben, aber wahr sei, erzählt er, um die Konsenssucht der Schweizer zu illustrieren. Schade war seine Schelte von einer verstörenden Selbstgerechtigkeit geprägt, die einen Dialog schwierig macht.

Für Bemerkungen zum letzten Redner, dem Chefredaktor des deutschen Handelblatts Bernd Ziesmer, bleibt mir nun leider keine Zeit, weil das Programm weitergeht. Nur dass sein Dialekt den Eindruck erweckt, er sei etwas angetrunken, muss ich noch unbedingt loswerden.

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